Chronologisch:

30.04.2002

Ein geteilter Archiv-Himmel?

Ausstellung »Gorleben sammeln» im Museum Wustrow eröffnet

by Wustrow. »Was fehlt/fehlte ist/war der unvoreingenommene systematische Blick von außen». Eher unscheinbar steht dieser Satz an der Wand im kleinsten Raum des Wustrower Museums.

Er stammt von Anselm Tiggemann aus Köln, der Geschichte und Politikwissenschaft studiert hat und in diesem Sommer seine Dissertation zum Thema »Gorleben» beenden wird. Es ist vielleicht der wichtigste Satz in der Ausstellung »Gorleben sammeln», die am Sonntag im Wustrower Museum eröffnet worden ist.

»Gorleben» - das ist bekanntermaßen das Thema, an dem sich die Geister im Landkreis scheiden. Für ein Archiv gesammelt wird deshalb von mindestens zwei Stellen: Aus dem Umfeld der Bürgerinitiative Umweltschutz ist der Verein »Gorleben-Archiv» entstanden. Und das Museum Wustrow, das einzige zeitgeschichtliche Museum im Landkreis, hat sich unter der Trägerschaft des Museumsverbundes an das Projekt »Gorleben sammeln» gemacht und plädiert mit der Ausstellung für eine zentrale Dokumentations- und Forschungsstelle.

Ein Zusammengehen dieser beiden Initiativen scheint unmöglich zu sein: denn Dr. Rolf Meyer, ehrenamtlicher Leiter des Wustrower Museums, hat seinen hauptamtlichen Arbeitsplatz bei der DBE in Gorleben und Gartow. Seine letzte Abfuhr in Sachen Vorbereitung der Ausstellung hat er sich in der vergangenen Woche im Salinas-Büro in Gartow geholt, wo man ihm kein Salz verkaufen wollte.

Für die meisten »Gorleben»-Gegner ist die Doppelfunktion Rolf Meyers eine schier unüberwindliche Hürde, an der auch eine geplante Tagung des Heimatkundlichen Arbeitskreises in diesem Frühjahr geplatzt ist. Und so kamen zur Eröffnung der Ausstellung auch überwiegend diejenigen, die der so genannten Pro-Seite zuzurechnen sind. Einzelne Anwesende der Contra-Seite signalisierten mit ihrem Kommen auch eine gewisse Distanz zur Bürgerinitiative und deren Archiv-Plänen.

Überraschend war aber, dass sich das volle Museum nach den Eröffnungsreden sehr schnell wieder lehrte. Da wurde über die Menge des Sammelgutes gestaunt, mehr als schnelle Blicke auf das Ausgestellte können aber nicht möglich gewesen sein. Verbleibende mutmaßten, dass dahinter auch ein Stück Flucht vor der Auseinandersetzung stand. »Gorleben» sei eben nicht nur die Geschichte der »Gegner», sondern auch der »Befürworter». Und auf den ersten Blick sei »Gorleben sammeln» eine sehr »widerständige» Ausstellung.

Martin Schultz, der Vorsitzende des Museumsverbundes, betonte die Unabhängigkeit der Ausstellung. Der Verbund und die zwölf Museen im Landkreis verstünden sich als Anwalt der Geschichte. Gerade im Fall »Gorleben» und seinen Dimensionen »müssen wir unsere Rolle wahrnehmen - unparteiisch, aber nicht ohne Gefühl.» Die Ausstellung sei ein bildhafter Antrag für eine Dokumentations- und Forschungsstelle, und ein Beleg dafür, wie wichtig eine solche Einrichtung sei. Dannenbergs Superintendent Peter Kritzokat erinnerte an die oft - auch im Landkreis - gemachte Erfahrung, dass Menschen, auch wenn sie nur wenige Meter von einander getrennt seien, ganz unterschiedliche Dinge erlebten oder auch dieselben Dinge ganz unterschiedlich. Damit es nicht beim geteilten Archiv-Himmel bleibe, sei jeder und jede mit der eigenen Sicht, der eigenen Ansicht und auch mit eigenen Dokumenten gefordert, an der Diskussion um eine ideale Dokumentationsstätte mitzumachen, forderte Kritzokat auf. Schultz und Meyer dankten dem engagierten Museumsteam, das in den vergangenen Monaten die Ausstellung aufgebaut hat. Meyers Dank richtete sich dabei vor allem an die dem Gorleben-Protest verbundenen Lüchowerin Nina Harder, die einen »eigenen Kopf» habe und Konflikte mit ihm zu ihren Gunsten entschieden hätte.

 

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