Ein trickreicher Plan von Kernkraftgegnern für die Ausbeutung des Gorlebener Salzstocks könnte das Aus für das geplante atomare Endlager sein.
Es war ein diskreter Treff risikofreudiger Investoren. Nur die engsten
Freunde waren geladen, als im Hinterzimmer des "Lindenkrugs" eine außergewöhnliche
Kapitalanlagemöglichkeit präsentiert wurde. Die 60 Geldgeber
in spe, die am Abend des 5. Juli den Weg in das Wendland-Nest Pevestorf
gefunden hatten, waren elektrisiert. Nachdem die strategischen Köpfe
hinter der verblüffenden Geschäftsidee den möglichen
Gesellschaftern ihre Pläne erläutert hatten, war nur noch
eine Frage offen, die ein aufgeregter Bärtiger sogleich stellte:
"Kann ich statt per Überweisung auch sofort per Scheck bezahlen?"
Von nun an war kein Halten mehr: Noch am gleichen Abend wurde das erste
Viertel der notwendigen 50.000 Mark Gründungskapital gezeichnet.
Unternehmenszweck der in Gründung befindlichen "Salinas Salzgut
GmbH" ist die Förderung und der Vertrieb von Salz aus dem Gorlebener
Salzstock. "Der Bedarf an Steinsalz ist sehr hoch", analysiert Mitgründer
Klaus Pohlandt: "Als Leckstein für Vieh und Wild, als Salzkristall
für Briefbeschwerer und Schmuckstücke sowie als Heilsalz gegen
Haut- und Atemwegserkrankungen." Doch ausgerechnet die angeblich so
unternehmerfreundliche Bundesregierung gefährdet die Schaffung
mehrerer Dutzend Arbeitsplätze am Standort Gorleben: Im selben
Salzstock will sie eine Atommülldeponie errichten.
Daß die Salinas-Gründer ihren Gesellschaftern vorerst "keine
übermäßige Rendite" versprechen, liegt nicht nur daran,
daß sie zuerst rund 150.000 Mark Bohrkosten finanzieren müssen,
um an das über 200 Meter tief liegende Steinsalz zu gelangen. Die
Aussicht der Jungunternehmer, die eine' gewisse Sympathie für die
Anti-Atom-Bewegung nicht bestreiten, auf baldige Gewinnausschüttung
wird auch dadurch getrübt, daß das vorgesehene Bohrgelände
und die Schürfrechte durch ein Enteignungsverfahren bedroht sind.
Schon seit Jahren buddelt das Bundesamt für Strahlenschutz im
staatseigenen Nordostteil des Gorlebener Salzstocks, angeblich um ihn
mit einem "Erkundungsbergwerk" auf seine Eignung als Endlager zu prüfen.
1998 wollen die Bundes-Strahlenschützer ihre - wie es heißt
- rein wissenschaftlichen Zwecken dienenden Stollen in den südwestlichen
Teil des Salzstocks vortreiben, doch der gehört noch immer Andreas
Graf von Bernstorff. Und weil der adlige Atomkraftgegner seinen Teil
des Salzstocks nicht verkaufen will, leitete das Bundesamt 1995 ein
Enteignungsverfahren gegen ihn ein. Die Begründung der Behörde:
Der Graf nutze seine Salzrechte nicht. Das Argument der ahnungslosen
Beamten wird nun jäh von der Wirklichkeit überholt, weil der
Graf einen Teil seiner Salzrechte künftig an die Satinas GmbH verpachtet
und damit nutzt. "lm Bergrecht hat die Förderung von Bodenschätzen
grundsätzlich Vorrang vor dem sogenannten 'Aufsuchen' oder der
Untersuchung eines Bodenschatzes", frohlockt von Bernstorffs Anwalt
Reiner Geulen über die Salinas-lnitiative: "Für die Bundesregierung
rächt sich jetzt, daß sie aus taktischen Gründen die
Errichtung des Endlagers bisher als Bau eines angeblich rein wissenschaftlichen
' Erkundungsbergwerks' bezeichnet hat." Dagegen habe die Salinas GmbH
auf jeden Fall Vorrang. Der Bund sei in die Falle getappt. Wenn die
Salinas-Leute ihren Bohrantrag stellen, muß auch die niedersächsische
Umweltministerin Monika Griefahn (SPD) Farbe bekennen. "Verweigert die
Ministerin die Erlaubnis, ist klar, daß wir auf sie im Widerstand
gegen das Endlager nicht mehr rechnen können", sagt Anwalt Geulen.
Im letzten Jahr hatte die Ministerin die Eröffnung des Enteignungsverfahrens
gegen den Grafen noch abgelehnt - wegen mangelnder Rechtsgrundlage.
Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts prüfen die Hannoveraner
allerdings doch mögliche Enteignungswege. "Der Graf nutzt den Salzstock
ja bekanntlich nicht gewerblich. Rein theoretisch könnte eine gewerbliche
Nutzung aber jeden anderen Gebrauch verdrängen", stellte Ende Juli
einer der ahnungslosen Griefahn-Beamten fest. So könnte die Satinas
GmbH schon vor Aufnahme der Produktion neue Arbeitsplätze schaffen:
"Die zu erwartende Prozeßflut bringt Planstellen für Juristen",
feixt Salinas-Hintermann Thomas Hauswaldt, im Hauptberuf Anwalt in Hamburg.
Die Hausjuristen in Bonn und Hannover können Verstärkung brauchen,
um eine Enteignung voranzutreiben, weil die Atomgegner jetzt in die
Offensive gehen: Schon im Juli war die erste Hälfte des Salinas-Gründungskapitals
zusammen, mehr Geld für Bohrung und Prozesse wird fleißig
gesucht.
Haben die Salinas-Leute erst einmal per Spülbohrverfahren große
Höhlen in den ohnehin löchrigen Atom-Salzstock gewaschen, stellt
sich nur noch eine Frage: Was macht man mit den Löchern? Schon hat
sich eine "Wissenschaftliche Gesellschaft für die unendliche Auflbewahrung
von Kunstwerken in Salzkavernen" gegründet. Sie will Kunstwerke großer
Meister unter Tage vor der Zerstörung durch "Meteoritenstürze,
Überflutungen, Klimaschwankungen oder Barbarei" bewahren. Doch bevor
der Graphiker und Kunstkavernen-Gründungspräsident Uwe ..Rixdorfer"
Bremer die zugesagten Werke von Markus Lüpertz oder Johannes Grützke
beide Großmeister der deutschen Moderne - einlagert, will er den
Salzstock auf seine Kunst-Endlagertauglichkeit prüfen. Und daran
gibt es, so Bremer, wegen mehrerer bereits entdeckter Wassereinschlüsse
gewisse Zweifel.