Chronologisch:

Greenpeace Magazin 5/96

Salz in die Bonner Wunden

Ein trickreicher Plan von Kernkraftgegnern für die Ausbeutung des Gorlebener Salzstocks könnte das Aus für das geplante atomare Endlager sein.

Es war ein diskreter Treff risikofreudiger Investoren. Nur die engsten Freunde waren geladen, als im Hinterzimmer des "Lindenkrugs" eine außergewöhnliche Kapitalanlagemöglichkeit präsentiert wurde. Die 60 Geldgeber in spe, die am Abend des 5. Juli den Weg in das Wendland-Nest Pevestorf gefunden hatten, waren elektrisiert. Nachdem die strategischen Köpfe hinter der verblüffenden Geschäftsidee den möglichen Gesellschaftern ihre Pläne erläutert hatten, war nur noch eine Frage offen, die ein aufgeregter Bärtiger sogleich stellte: "Kann ich statt per Überweisung auch sofort per Scheck bezahlen?" Von nun an war kein Halten mehr: Noch am gleichen Abend wurde das erste Viertel der notwendigen 50.000 Mark Gründungskapital gezeichnet.

Unternehmenszweck der in Gründung befindlichen "Salinas Salzgut GmbH" ist die Förderung und der Vertrieb von Salz aus dem Gorlebener Salzstock. "Der Bedarf an Steinsalz ist sehr hoch", analysiert Mitgründer Klaus Pohlandt: "Als Leckstein für Vieh und Wild, als Salzkristall für Briefbeschwerer und Schmuckstücke sowie als Heilsalz gegen Haut- und Atemwegserkrankungen." Doch ausgerechnet die angeblich so unternehmerfreundliche Bundesregierung gefährdet die Schaffung mehrerer Dutzend Arbeitsplätze am Standort Gorleben: Im selben Salzstock will sie eine Atommülldeponie errichten.

Daß die Salinas-Gründer ihren Gesellschaftern vorerst "keine übermäßige Rendite" versprechen, liegt nicht nur daran, daß sie zuerst rund 150.000 Mark Bohrkosten finanzieren müssen, um an das über 200 Meter tief liegende Steinsalz zu gelangen. Die Aussicht der Jungunternehmer, die eine' gewisse Sympathie für die Anti-Atom-Bewegung nicht bestreiten, auf baldige Gewinnausschüttung wird auch dadurch getrübt, daß das vorgesehene Bohrgelände und die Schürfrechte durch ein Enteignungsverfahren bedroht sind.

Schon seit Jahren buddelt das Bundesamt für Strahlenschutz im staatseigenen Nordostteil des Gorlebener Salzstocks, angeblich um ihn mit einem "Erkundungsbergwerk" auf seine Eignung als Endlager zu prüfen. 1998 wollen die Bundes-Strahlenschützer ihre - wie es heißt - rein wissenschaftlichen Zwecken dienenden Stollen in den südwestlichen Teil des Salzstocks vortreiben, doch der gehört noch immer Andreas Graf von Bernstorff. Und weil der adlige Atomkraftgegner seinen Teil des Salzstocks nicht verkaufen will, leitete das Bundesamt 1995 ein Enteignungsverfahren gegen ihn ein. Die Begründung der Behörde: Der Graf nutze seine Salzrechte nicht. Das Argument der ahnungslosen Beamten wird nun jäh von der Wirklichkeit überholt, weil der Graf einen Teil seiner Salzrechte künftig an die Satinas GmbH verpachtet und damit nutzt. "lm Bergrecht hat die Förderung von Bodenschätzen grundsätzlich Vorrang vor dem sogenannten 'Aufsuchen' oder der Untersuchung eines Bodenschatzes", frohlockt von Bernstorffs Anwalt Reiner Geulen über die Salinas-lnitiative: "Für die Bundesregierung rächt sich jetzt, daß sie aus taktischen Gründen die Errichtung des Endlagers bisher als Bau eines angeblich rein wissenschaftlichen ' Erkundungsbergwerks' bezeichnet hat." Dagegen habe die Salinas GmbH auf jeden Fall Vorrang. Der Bund sei in die Falle getappt. Wenn die Salinas-Leute ihren Bohrantrag stellen, muß auch die niedersächsische Umweltministerin Monika Griefahn (SPD) Farbe bekennen. "Verweigert die Ministerin die Erlaubnis, ist klar, daß wir auf sie im Widerstand gegen das Endlager nicht mehr rechnen können", sagt Anwalt Geulen. Im letzten Jahr hatte die Ministerin die Eröffnung des Enteignungsverfahrens gegen den Grafen noch abgelehnt - wegen mangelnder Rechtsgrundlage. Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts prüfen die Hannoveraner allerdings doch mögliche Enteignungswege. "Der Graf nutzt den Salzstock ja bekanntlich nicht gewerblich. Rein theoretisch könnte eine gewerbliche Nutzung aber jeden anderen Gebrauch verdrängen", stellte Ende Juli einer der ahnungslosen Griefahn-Beamten fest. So könnte die Satinas GmbH schon vor Aufnahme der Produktion neue Arbeitsplätze schaffen: "Die zu erwartende Prozeßflut bringt Planstellen für Juristen", feixt Salinas-Hintermann Thomas Hauswaldt, im Hauptberuf Anwalt in Hamburg. Die Hausjuristen in Bonn und Hannover können Verstärkung brauchen, um eine Enteignung voranzutreiben, weil die Atomgegner jetzt in die Offensive gehen: Schon im Juli war die erste Hälfte des Salinas-Gründungskapitals zusammen, mehr Geld für Bohrung und Prozesse wird fleißig gesucht.

Haben die Salinas-Leute erst einmal per Spülbohrverfahren große Höhlen in den ohnehin löchrigen Atom-Salzstock gewaschen, stellt sich nur noch eine Frage: Was macht man mit den Löchern? Schon hat sich eine "Wissenschaftliche Gesellschaft für die unendliche Auflbewahrung von Kunstwerken in Salzkavernen" gegründet. Sie will Kunstwerke großer Meister unter Tage vor der Zerstörung durch "Meteoritenstürze, Überflutungen, Klimaschwankungen oder Barbarei" bewahren. Doch bevor der Graphiker und Kunstkavernen-Gründungspräsident Uwe ..Rixdorfer" Bremer die zugesagten Werke von Markus Lüpertz oder Johannes Grützke beide Großmeister der deutschen Moderne - einlagert, will er den Salzstock auf seine Kunst-Endlagertauglichkeit prüfen. Und daran gibt es, so Bremer, wegen mehrerer bereits entdeckter Wassereinschlüsse gewisse Zweifel.

 

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