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Süddeutsche Zeitung 20.12.1996
Ein Salzbergwerk anstelle des atomaren Endlagers?
Grundbesitzer in Gorleben pocht auf sein Recht, die Bodenschätze abbauen und vermarkten zu können
Von Michael Quasthoff
Hannover,l9. Dezember - Andreas Graf Bernstorff ist ein nüchterner,
besonnener Mann und normalerweise kein Freund der großen Worte.
An diesem Mittwoch machte er eine Ausnahme. Punkt 12.30 Uhr trat Bernstorff
einer der am stärksten engagierten Streiter gegen das atomare
Endlager im Gorlebener Salzstock, in Hannover vor die Presse und prophezeite
das endgültige Aus für die Bonner Entsorgungspläne.
"Diesmal wird die Atom-Mafia von der Barriere des Eigentums gestoppt
sagte Grundbesitzer Bernstorff nicht ohne Genugtuung. Das Bundesamt
für Strahlenschutz (BfS) droht dem Besitzer der Gorlebener Salzrechte
seit Jahren mit Enteignung. Aber wie es aussieht, haben die Atomkraftgegner
tatsächlich einen Coup gelandet, der Bundesumweltministerin Angela
Merkel nach den Feiertagen schwer im Magen liegen dürfte. Bernstorff
berichtete, daß dem Bergamt in Celle zwei Anträge auf Zulassung
eines Rahmenbetriebsplans übergeben wurden. Einen hat Bernstorff
selber gestellt, der andere läuft auf den Namen der Salinas Salzgut
GmbH, die nahe dem Gelände des geplanten Endlagers Sole fördern
und vermarkten mochte. Damit seien nicht nur die Aktivitäten
des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) hinfällig, das
im Gorlebener Salzstock eih Erkundungsbergwerk zur Lagerung von atomaren
Brennstoffen betreibt, sagte Bernstorff Anwalt Reiner Geulen. Auch
"die rechtswidrige Enteignung Bernstorfts ist vom Tisch". Nun
räche sich, daß das BfS kein Planfeststellungsverfahren
für ein Endlager beantragt, sondern lediglich Forschungszwecke
angemeldet habe. Denn das jahrhundertealte Bergrecht gibt dem Abbau
von Bodenschätzen eindeutig Priorität vor wissenschaftlichen
Unternehmungen. Geht einer der Anträge durch - was für den
Anwalt außer Frage steht - will die Salinas schon Ende 1997
eine Probebohrung starten. Bis zum Jahr 2010 sollen 216 000 Tonnen
Salz gefördert werden. Laut Salinas-Geschäftsführer
Fritz Söffker steht das Projekt auf soliden Füßen.
1,5 Millionen Mark müsse man in die Ausspülung der Kaverne
investieren. Und obwohl Salinas erst seit August existiert und "wir
keinerlei Werbung gemacht haben, sind bereits Anteile im Wert von
250 000 Mark gezeichnet worden. Nicht nur von AKW-Gegnern, sondern
auch von potenten Geldgebern wie dem Getränkeunternehmen Völkel.
Über die "Salinas"-Produktpalette mochte sich Fritz Söffker
noch nicht äußern. "Schließlich wollen wir die Konkurrenz
nicht aufschrecken. Aber das Salz ließe sich sowohl zu Therapeutischen
Zwecken als auch zur Nahrungsmitteproduktion verwenden. Eine zusätzliche
Einnahmequelle stellt die Kaverne selber dar, die nach der Ausbeutung
beispielsweise als Erdgasspeicher vermietet werden kann. Beim BfS
in Salzgitter ließ man sich gestern von der Salinas-Offensive
scheinbar nicht aus der Ruhe bringen. "Wir sind in einer rechtlich
sehr starken Position" betonte Sprecher Eckart Diehl gegenübe
der SZ. Er verweist auf Gutachten, die das Gorlebener Salz als stark
verunreinigt ausweisen. Außerdem habe das Bundesverwaltungsgericht
1994 entschieden, eine Enteignung Bernstorffs sei "nicht möglich".
Aber schwierig. Die Landesregierung lehnte den Enteignungsantrag seinerzeit
rundweg ab, weil das BfS die Salzrechte nicht in die Hand bekam. Daraufhin
änderte das BfS die Taktik und stellte den Rahmenbetriebsplan
für die wissenschaftliche Erkundung des Salzstockes. Als man
nun hörte, Bernstorff habe der Salinas sechs Hektar verpachtet,
ließ das BfS dem Grafen ausrichten, dann bohre man eben um das
Salinas-Gelände herum. Jurist Geulen hält diese neue Volte
nummehr für eine rituelle Verhaltensmaßnahme der Bundesregierung
und ist sicher, daß "wir das Endlager zu Fall bringend". Gelände
und Salzrechte neben der AG gehören nämlich den Kirchengemeinden
und die werden dem BfS keinen Kubikzentimeter verkaufen. Im niedersächsischen
Umweltministerium wartet man derweil "gespannt" auf die Prüfung
des Bergamtes. Bekanntlich hat Ministerin Monika Griefahn mit Kollegin
Merkel diesbezüglich noch ein paar Rechnungen offen. Für
Sprecherin Eva Maria Rexing ist die Sache aber "längst nicht
ausgestanden". Egal, wer vor dem Bergamt den kürzeren zieht,
"der Yerlierer geht vor Gericht".
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